Wenn Funktionieren deine Identität ist

Was, wenn dein Funktionieren gar nicht deine Bedürfnisse und Werte befriedigt – sondern dir einfach nur eine Art Daseinsberechtigung gibt?

  • Wer bist du, ohne dein Funktionieren?
  • Ohne deinem Nutzen?
  • Ohne deiner Leistung, deinem Status, deiner Position?

Stell dir vor, du wachts am Morgen auf und hast nichts zu tun:

  • Keine Termine
  • Keine E-Mails zu schreiben oder zu beantworten
  • Keine To-Do Liste
  • Nichts das abgehakt werden könnte
  • Noch nicht einmal irgendwelche Social-Media Nachrichten, die du lesen oder beantworten könntest.

Wer bist du dann?

Was ist, wenn du gar nicht deshalb so viel leistest, weil du so ehrgeizig bist – sondern weil du tief in dir glaubst, sonst nicht gut genug zu sein?

Vielleicht Gehörst du zu den Menschen, bei denen man von außen überhaupt nie auf den Gedanken kommen würde, dass sie ein Problem haben könnten.

Du hast dein Leben im Griff. Du erledigst deine Aufgaben, hältst deine Termine ein, bist zuverlässig, hilfsbereit und übernimmst Verantwortung. Du erledigst deine Arbeiten, ohne darüber zu reden. Du machst einfach.

Wenn man dich fragt, wie es dir geht, oder ob du etwas brauchst, sagst du: “Alles gut. Ich brauche nichts.”

Und verstehe mich bitte richtig:

Es ist eine wunderbare Fähigkeit gut zu funktionieren, etwas anzupacken, Schwierigkeiten auszuhalten oder Dinge zu Ende zu bringen.

Funktionieren ist grundsätzlich gut – Nicht funktionieren ist grundsätzlich schlecht für uns.

Das Problem liegt ganz woanders:

Es liegt im WARUM!

Ist das, wie du funktionierst, sind das bestimmte Fähigkeiten, die du hast, oder ist es der Kernpunkt über den du dich, also dein Mensch sein, definierst?

Und wenn dein Selbstbild daran hängt, dass du funktionierst, dann wird alles und jeder, der dieses Funktionieren auch nur in Frage stellt, als eine Art persönlicher Feind wahrgenommen.

  • Fehler werden nicht einfach als Fehler wahrgenommen. Sondern als Aussagen oder Urteile über die eigene Unfähigkeit, oder dass man nicht genügt.
  • Müdigkeit ist nicht einfach ein Gefühl müde zu sein, sondern ein Gefühl des Versagens.

Wenn man solche Menschen fragt, wann sie das letzte Mal etwas gemacht haben, weil sie wirklich Lust darauf hatten und nicht, weil es sinnvoll war, oder notwendig war – dann wissen viele darauf tatsächlich keine Antwort.

Diese Menschen FLÜCHTEN sich oft ins Funktionieren, weil es das einzige Modell der Welt ist, dass sie kennen.

Die entscheidende Frage ist nicht, was du tust. Die entscheidende Frage ist: “Warum tust du es?”

  • Machst du es, weil es dich deinem echten Lebensziel näherbringt?
  • Oder machst du es, weil du sonst vielleicht keine Lebensberechtigung mehr empfindest?

Wenn funktionieren deine Identität ist, dann hast du sehr wahrscheinlich ein Problem damit “Nein” zu sagen. Dann definierst du deinen Wert als Mensch wahrscheinlich über deine Leistung und deinen Nutzen. Und wahrscheinlich machst du Sachen, die du eigentlich gar nicht machen möchtest – nur um zu funktionieren. Auch das Helfersyndrom ist ziemlich typisch für einen Funktionierer.

Der Stachel beim Funktionieren ist:

Solange deine Identität an deiner Leistung hängt, bist du im Grunde nie wirklich mit dir zufrieden und auch niemals wirklich glücklich.

Denn:

  • Jeden Tag musst du dir deinen Wert neu verdienen.
  • Es gibt kein „genug”.
  • Es gibt nur “weiter funktionieren”.

Und irgendwann merkst du, dass du deine wirklichen Bedürfnisse oder Werte gar nicht kennst. Dass du eigentlich immer nur die Bedürfnisse und Werte von anderen erfüllst und deine eigenen längst vergessen hast.

Warum schaffen es die meisten nicht, dieses toxische Funktionieren aufzugeben und in ein gesundes lebensbejahendes Funktionieren zu wechseln? – Bevor sie ausbrennen. Bevor sie im Burnout oder in Depressionen enden.

Solange du in Bewegung bist, ständig unterwegs, ständig am Abarbeiten, musst du dich nämlich nicht fragen, ob du überhaupt weißt, wo du eigentlich hin willst, oder wer du überhaupt bist.

Das ständige Funktionieren ist meistens keine Stärke – es ist eine sehr elegante Art, oder noch besser gesagt: Eine Tarnung, mit der man sich vor der Frage davonschleichen will: “Wer bin ich denn eigentlich als Mensch?”

Wie entsteht diese Attitüde des Funktionierens überhaupt?

Es kann viele Ursachen haben. Aber: Wenn wir glauben, dass funktionieren die einzige richtige Lebensform ist, dann liegt die Ursache sehr wahrscheinlich in unserer Erziehung.

Meistens ist es so, dass unsere biologischen Bedürfnisse nicht deshalb erfüllt wurden, weil wir als Mensch oder als Kind da waren, sondern wir mussten sie uns durch funktionieren verdienen. Das heißt: Mama und Papa haben dich nicht einfach nur lieb, weil es dich gibt. Sondern Mama und Papa haben dich lieb, wenn du als Kind genau so funktionierst wie es Mama und Papa gerne haben wollen.

Dadurch lernt das Unterbewusstsein des Kindes bereits, dass Liebe Anerkennung und Zugehörigkeit nur durch Funktionieren zu erreichen sind.

Und noch viel schlimmer:

Unbewusst weiß das Kind, wenn es keine Zugehörigkeit zur Familie hat, ist es zum Sterben verurteilt. Also: Nicht zu funktionieren bedeutet den Tod. Und das stimmt auch, genetisch gesehen. Das Kind weiß natürlich nicht, dass es Gesetze gibt die das verbieten und dass der übergeordnete Staat sich darum kümmern würde, dass es trotzdem überlebt.

Dieses Wissen ist dem kleinen Kind nicht zugänglich. Es hat ja nur diese genetische biologische Intuition: “Wenn ich nicht zur Familie gehöre, werde ich nicht überleben. Dann bin ich des Todes.”

Wir lernen: Liebe, Zuneigung und Anerkennung gibt es nur, wenn ich dementsprechend funktioniere. Gleichzeitig müssen wir aber bestimmte Bedürfnisse unterdrücken oder abspalten. Und zwar biologische Bedürfnisse, die nicht in das Konzept von Mama und Papa von einer funktionierenden Familie passen.

Das kann zum Beispiel sein:

  • Seine eigenen persönlichen Grenzen zu setzen – NEIN sagen zu lernen.
  • Oder, Spass zu haben und lustig zu sein – einfach so, ohne besonderen Grund.
  • Wir haben aber auch ein biologisches Bedürfnis, dass wir uns geliebt und anerkannt fühlen wollen, ohne dafür etwas leisten zu müssen.

Wenn das der Fall ist, dass wir uns Liebe und Anerkennung durch Leistung verdienen mussten, dann lehnen wir Menschen ab, die uns gut tun, und wählen stattdessen lieber Menschen, die uns ausnutzen. Weil wir unbewusst glauben, nur durch Leistung und durch funktionieren Liebe zu verdienen. Jemand der uns bedingungslos liebt, der macht uns dann eher Angst. Mit dem “stimmt dann was nicht”.

Wenn du als Kind gut funktionierst, dann bekommst du ja nicht nur Anerkennung von der Familie, sondern auch Nachbarn oder Lehrer freuen sich über ein Kind, dass das Leben leichter macht, das hilfsbereit ist. Das bereit ist, sein Leben zu opfern um Anerkennung im Gegenzug auf Leistung zu bekommen.

Und logischerweise als Kind denkt man dann: Das ist doch der richtige Lebensweg, das richtige Verhalten, wenn man eben auch von Familien fremden Menschen so Sachen hört wie:

  • Du bist schon so reif für dein Alter.
  • Du bist so verantwortungsbewusst.
  • Du bist schon so erwachsen. …

Und so lernen wir als Kind, unsere eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken und zurückzustellen, bis wir dann irgendwann einmal gar nicht mehr wissen, dass wir eigentlich auch eigene Bedürfnisse und Wünsche haben, oder besser gesagt: Hätten.

Und so überlebt de facto dann nur eine Version von uns die sich anpasst und funktioniert, aber niemals wirklich glücklich und zufrieden ist.

Was ist die Lösung aus diesem Dilemma?

Wie kannst du dein Funktionieren stoppen, ohne dass dein Leben auseinander fällt?

Der erste Schritt ist, dass du herausfinden musst, was die Ursachen sind, die dich glauben lassen, dass du so dringend funktionieren musst.

Welche Überzeugungen und Glaubenssätze stecken dahinter, dass du dieses Massive Verlangen nach funktionieren hast?

Und nimm dir dazu wirklich bitte Zettel und Stift, setz dich hin, nimm dir Zeit und fühle einmal in dich hinein. Schreib dir, die Überzeugungen die du hast, die hinter deinem Funktionieren stehen, auf:

  • Was glaubst du, bringt dir dieses Funktionieren?
  • Was sind die emotionalen Vorteile?
  • Was sind die materiellen Vorteile?
  • Wie sehen deine zwischenmenschlichen Beziehungen dadurch aus?

Und schreibe auf, was glaubst du, welche Nachteile du hättest, wenn du nicht so funktionierst, wie du funktionierst:

  • Welche emotionalen Nachteile hättest du?
  • Welche materiellen Nachteile hättest du?

Es geht darum, endlich herauszufinden und zu verstehen, wovor dich dein Funktionieren beschützen möchte.

Und sehr wichtige Fragen in der Selbsterkenntnis sind:

  • Was würdest du über dich selber denken, bzw. wie würdest du über dich selber denken, wenn du nicht funktionieren würdest?
  • Was würdest du über deinen Wert als Mensch dann denken?
  • Wie würde es mit deiner Selbstliebe aussehen?
  • Was würdest du dir selbst über dich sagen?

Der zweite Schritt ist, dir deiner Bedürfnisse bewusst zu werden.

Und das funktioniert nicht in einer halben Stunde oder in 2 Stunden. Das ist eine Aufgabe die mehrere Tage und Wochen dauert. Denn die Bedürfnisse die du über 10, 20 oder 30 Jahre unterdrückt hast, die kannst du nicht in 10 Minuten wieder hervorholen. Die sind zum Teil so tief ins Unbewusste verschoben, dass es für manche Bedürfnisse Monate braucht, bis du dir dieser Bedürfnisse erst wieder bewusst wirst. Deshalb ist es da auch sehr wichtig, sehr geduldig mit dir selbst umzugehen.

Das ist keine Quick & Dirty Lösung von der ich hier spreche. Lege dir entweder eine Datei in deinem Computer an, oder wenn du analog arbeitest einen Zettel, auf den du dann immer, wenn dir Bedürfnisse, die du abgespalten hattest einfallen, diese aufschreibst.

Das ist ganz essenziell wichtig, dass du dir wirklich bewusst wirst:

  • Was möchte ich denn eigentlich im Leben?
  • Was würde mich denn glücklich machen?
  • Welche Bedürfnisse möchte ich denn befriedigt haben?

Fange an, – wenn du weißt welche Bedürfnisse du erfüllt haben möchtest – dir jeden Tag die Frage zu stellen: “Mache ich das, was ich mache, weil es ein tatsächliches Bedürfnis von mir befriedigt oder weil ich Angst habe ansonsten wertlos zu sein, nicht genug zu sein?”

Manchen hilft es auch, wenn sie sich eine ganz radikale Frage stellen, und zwar die Frage: “Bin ich mit meinem Funktionieren ein Wirt für einen Parasiten? Oder, ist mein Funktionieren symbiotisch?”

Eine parasitäre Beziehung ist, wenn sich jemand an dir nähert, du dabei aber auf der Strecke bleibst.

Eine symbiotische Beziehung ist, wenn jemand einen Vorteil durch dein Funktionieren hat und du auch einen Vorteil von der anderen Person hast.

Mache deinen Selbstwert nicht davon abhängig, wie wertvoll du für Parasiten bist, sondern von Menschen mit denen du in Symbiose bist.

Die Lösung ist nicht, aufzuhören zu funktionieren, sondern für die richtigen Menschen und die richtigen Sachen zu funktionieren. Fange an für dich selbst zu funktionieren. Für die Befriedigung deiner Bedürfnisse zu funktionieren. Für ein Leben nach deinen Werten und Bedürfnissen zu funktionieren.

Verwende dein Funktionieren und dein Leisten für Sachen die dir Spaß machen, die dich deinem Lebensziel näherbringen, die deinen Werten entsprechen, die deine Bedürfnisse befriedigen.

Das Wichtigste dabei ist die Geduld mit dir selbst. Das ist ein Prozess der Zeit braucht. Am besten ist es, wenn du Unterstützung dabei hast. Jemand der dir hilft, geduldig mit dir zu sein, und mit dir deine Fortschritte reflektiert. Das ist wichtig um motiviert zu bleiben. Das kann ein Freund sein, mit dem du dich gut verstehst. Oder aber auch ein Coach oder Therapeut, der dich dabei unterstützt.

Wichtig ist, dass es jemand ist, bei dem du weißt, er beurteilt dich nicht nach deinem Funktionieren oder Leisten, sondern er nimmt dich als Mensch, und nur als Mensch, wahr.

Die größte Leistung die du in deinem Leben erzielen kannst ist, das Leben zu genießen. Das ist die schwierigste Aufgabe und größte Leistung die ein Mensch erzielen kann. Die höchste Form des Funktionierens.

Alles Gute

Helmut

Hallo ich bin Helmut

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